Von Bruder Oliver
In einer Welt, die zunehmend von Oberflächlichkeit, Polarisierung und materiellem Denken geprägt ist, mag der Ruf einer diskreten, traditionsreichen Bruderschaft wie der Freimaurerei leise, aber vernehmbar ertönen. Er spricht nicht die Massen an, sondern das Individuum. Meist jene Menschen, die nach Tiefe streben, nach innerer Ordnung und nach einem ethischen Sinn jenseits religiöser Dogmen und politischer Programme. Wer Freimaurer wird, entscheidet sich für eine Lebensform, die gleichermaßen Arbeit an sich selbst wie Verantwortung für die Welt bedeutet.
Im Folgenden beleuchte ich zehn gute Gründe, warum ein Mensch in heutiger Zeit Freimaurer sein möchte – philosophisch, nicht propagandistisch; reflektierend, nicht belehrend.
1. Die Arbeit an sich selbst – der „raue Stein“
Die zentrale Allegorie der Freimaurerei ist der raue Stein, der behauen werden soll. Damit ist der unvollkommene Mensch gemeint, der durch Selbsterkenntnis, Übung und ethisches Streben zur Vollendung strebt. Dies ist kein narzisstisches Selbstoptimierungsprogramm, sondern ein Weg der Demut und Disziplin. Freimaurerei bietet Rituale, Symbole und Bräuche, die helfen, diesen Weg zu strukturieren.
Eine Philosophie der permanenten Selbstreflexion!
2. Ein Raum jenseits der Ideologien
Die Loge ist ein Raum, in dem politische, religiöse und soziale Differenzen außen vor bleiben, nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil der Mensch VOR ihnen kommt. In einer Gesellschaft, die sich ständig ideologisch auflädt, ist die freimaurerische Neutralität eine radikale Haltung. Sie erinnert daran, dass die Würde des Menschen nicht von Meinungen, sondern von seiner Existenz her begründet ist.
3. Symbolisches Denken in einer rationalen Welt
Die Freimaurerei spricht nicht nur den Verstand an, sondern auch das Herz und die Intuition. Sie arbeitet mit Symbolen –Zirkel, Winkelmaß, Licht, Zahl, Farbe. In einer hyperrationalen Kultur, die das Messbare zum Maß aller Dinge gemacht hat, kultiviert die Freimaurerei die verlorene Kunst des symbolischen Denkens, ein Zugang zur Wirklichkeit, der Tiefe und Mehrdeutigkeit zulässt.
4. Ethische Orientierung ohne Dogma
Freimaurerei erhebt keinen Anspruch auf absolute Wahrheit. Sie bietet keine Heilslehre, sondern einen ethischen Rahmen. Die sogenannten „Alten Pflichten“ und freimaurerischen Prinzipien – wie Toleranz, Humanität, Freiheit, Brüderlichkeit – sind keine starre Moral, sondern Wegweiser für ein verantwortliches Leben. Wer Freimaurer ist, übt sich im Gewissensdialog.
5. Verbindung von Tradition und Gegenwart
In einer Zeit, in der alles schnelllebig, modisch und flüchtig erscheint, bietet die Freimaurerei eine Anbindung an Jahrhunderte alte Traditionen. Ihre Rituale sind nicht Relikte, sondern lebendige Formen, in denen sich Menschheitsfragen verdichten: Woher kommen wir? Was ist der Sinn des Lebens? Wie gelingt ein gutes Leben?
Die Loge ist ein Tempel der Zeitlosigkeit mitten im Zeitlichen!
6. Eine Bruderschaft auf Augenhöhe
Freimaurerei ist eine egalitäre Institution, ungeachtet von Stand, Beruf, Herkunft oder Vermögen. In der Loge begegnen sich Menschen auf gleicher Ebene, wie es symbolisch auf der Winkelwaage“ geschieht. Diese Brüderlichkeit ist kein bloßes Ideal, sondern wird konkret im Ritus, im Austausch, in der Sorge füreinander. In einer Welt der sozialen Isolation stiftet sie menschliche Nähe.
7. Stille im Zeitalter des Lärms
Freimaurerische Arbeiten finden im Schweigen statt – nicht, weil man nichts zu sagen hätte, sondern um die Tiefe der Worte und Gesten wieder erfahrbar zu machen. Der Raum der Loge ist ein Gegenbild zum hektischen Außen, ein Ort der Sammlung. Die Rituale rhythmisieren die Zeit, geben Halt – sie sind Meditation in Bewegung. Wer Freimaurer ist, findet einen geschützten Raum der Stille und der Konzentration.
8. Die Suche nach dem Licht
In der Symbolik der Freimaurerei steht das Licht für Erkenntnis, Wahrheit, Erleuchtung. Es ist nicht Besitz, sondern Ziel, es leuchtet, aber blendet nicht. Die Aufnahme in die Loge ist eine symbolische „Wiedergeburt ins Licht“, und jede weitere Stufe ist ein Schritt auf diesem Erkenntnisweg. Wer Freimaurer ist, wird nicht belehrt, sondern zur Suche eingeladen.
9. Eine kosmopolitische Perspektive
Freimaurerei existiert weltweit, über kulturelle, nationale und konfessionelle Grenzen hinweg. In ihr lebt die Idee einer Menschheitsfamilie, konkret erfahrbar durch internationale Begegnungen und Logenverbindungen. Die freimaurerische Weltoffenheit ist nicht abstrakt, sondern gelebte Praxis.
Der Mensch ist Mensch, bevor er Deutscher, Franzose, Niederländer oder sonst einer Nationalität angehörig ist.
10. Die Verantwortung für die Gesellschaft
Freimaurerei ist kein Eskapismus. Wer an sich arbeitet, erkennt auch die Notwendigkeit, an der Welt zu wirken. Der Freimaurer fühlt sich verpflichtet, zur Humanität beizutragen – sei es durch soziales Engagement, durch das Wort, durch Vorbild oder durch stille Hilfe. Die Loge ist ein Übungsfeld für die Welt da draußen.
Freimaurer zu sein bedeutet, sich freiwillig einem Weg der Entwicklung zu stellen, der kein Ende kennt.
Es ist eine Form der Philosophie in Aktion, eine Schule des Lebens, die gleichermaßen den inneren Menschen bildet als auch anspornt, in der Welt Verantwortung zu übernehmen. Die zehn genannten Gründe sind kein Werbeprospekt, sondern Wegweiser für jene, die bereit sind, in einer verwirrten Zeit nach Orientierung, Tiefe und Menschlichkeit zu suchen.
Denn!!!
Die wahre Maurerei ist nicht das Bauen mit Steinen, sondern mit Idealen.